Trotz aktuell hoher Auslastung erwarten die Betriebsräte der Windindustrie einen deutlichen Einbruch bei Aufträgen und Beschäftigung. Das zeigt die aktuelle Betriebsrätebefragung der IG Metall Küste in 34 Betrieben mit rund 27.700 Beschäftigten. Die Branche steht damit vor der Situation, dass die Auftragsbücher vieler Unternehmen derzeit noch gut gefüllt sind, sich die Erwartungen für die kommenden Jahre jedoch drastisch verschlechtern.
„Die Ergebnisse sind eine Warnung an die Bundesregierung. Während die Betriebe aktuell gut ausgelastet sind, drohen Auftragseinbrüche und Stellenabbau. Nach der Altmaier-Delle droht jetzt der Reiche-Absturz“, sagt Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste. „Die Pläne von Ministerin Reiche senden genau das falsche Signal an eine Schlüsselbranche für Energiewende, Energieunabhängigkeit, Klimaschutz und industrielle Wertschöpfung. Wer den Windkraftausbau ausbremst, setzt Arbeitsplätze und Zukunftsinvestitionen aufs Spiel.“
Die durchschnittliche Auslastung der befragten Betriebe liegt aktuell zwar bei fast 95 Prozent. Gleichzeitig erwarten jedoch nur noch 18 Prozent (Vorjahr: 59 Prozent) der Betriebsräte eine Verbesserung der Auftragslage in den kommenden zwei Jahren. 25 Prozent (Vorjahr: 23 Prozent) rechnen mit rückläufigen Aufträgen, weitere 25 Prozent können die Entwicklung derzeit nicht einschätzen. Die Erwartungen sind damit so schlecht wie seit 2018 nicht mehr.
Auch bei der Beschäftigung hat sich die Stimmung deutlich eingetrübt. Nur noch rund 18 Prozent (Vorjahr: 32 Prozent) der Betriebe rechnen mit einem Stellenaufbau, während 29 Prozent mit einem Stellenabbau rechnen (Vorjahr: 35 Prozent). Insgesamt erwarten die befragten Betriebsräte in den kommenden zwölf Monaten den Abbau von mehr als 680 Arbeitsplätzen. Dem stehen lediglich 70 geplante Neueinstellungen gegenüber. Unter dem Strich droht damit ein Verlust von mehr als 600 Arbeitsplätzen in der Windindustrie.
„Die Betriebe sind heute noch gut ausgelastet. Aber die Beschäftigten schauen mit großer Sorge auf die kommenden Jahre. Wenn die Politik jetzt nicht handelt, droht Deutschland, industrielle Wertschöpfung an China und andere europäische Länder zu verlieren“, warnt Dr. Melanie Frerichs, Branchenbeauftragte Windindustrie der IG Metall.
Besonders kritisch bewerten die Betriebsräte die Perspektiven für den Standort Deutschland. Während die Entwicklung der Windindustrie in Asien mehrheitlich positiv eingeschätzt wird, überwiegen für Deutschland die negativen Erwartungen deutlich. Für die Onshore-Windindustrie erwarten 55 Prozent der Befragten eine negative Entwicklung, für die deutsche Windindustrie insgesamt sind es 54 Prozent (Vorjahr: 23 Prozent). Nur 21 Prozent schätzen die Perspektive positiv ein (Vorjahr: 59 Prozent).
Als Ursachen für die pessimistische Einschätzung nennen die Betriebsräte vor allem den wachsenden Wettbewerbsdruck durch China, politische Unsicherheit, fehlende Netzanschlüsse sowie mangelnde industriepolitische Unterstützung. Entsprechend eindeutig fällt die Forderung nach politischem Handeln aus: 100 Prozent der befragten Betriebsräte sagen, die Windindustrie brauche mehr industriepolitische Aufmerksamkeit. 92 Prozent halten soziale Kriterien bei der Auftragsvergabe für ein geeignetes Instrument zur Stärkung der Branche in Deutschland.
„Wer den Ausbau der Windenergie will, muss auch dafür sorgen, dass die Anlagen, Komponenten und Dienstleistungen aus Deutschland kommen“, fordert Friedrich. „Öffentliche Aufträge und politische Rahmenbedingungen müssen Beschäftigung, Tarifbindung und Wertschöpfung vor Ort stärken. Die Energiewende darf nicht zur Importstrategie werden.“
Der Fachkräftemangel bleibt ein Thema. 60 Prozent der Betriebe berichten weiterhin von Problemen bei der Stellenbesetzung. Dennoch hat sich der Blick der Betriebsräte verschoben: Nicht mehr der Mangel an Fachkräften wird als größte Hürde gesehen, sondern die unsicheren Zukunftsperspektiven der Branche.
Auch die Ausbildung sendet gemischte Signale. Die Ausbildungsquote ist zwar leicht auf 4,4 Prozent gestiegen (Vorjahr: 4 Prozent) und liegt damit wieder auf Vor-Corona-Niveau. Gleichzeitig planen lediglich 12 Prozent der Betriebe, ihre Ausbildungsaktivitäten auszuweiten. Rund 80 Prozent wollen die Zahl ihrer Ausbildungsplätze unverändert lassen.
An der Befragung der IG Metall Küste beteiligten sich Betriebsräte aus 34 Unternehmen der Windindustrie. Die beteiligten Betriebe beschäftigen insgesamt rund 27.700 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus den Bereichen Onshore und Offshore. Die Befragung wurde im Sommer 2026 von WMP consult im Auftrag der AgS Bremen durchgeführt.
Präsentation_Ergebnisse_Windumfrage_wmp-14.09.2026_Langversion0