Die norddeutschen Werften wachsen und blicken optimistisch in die Zukunft. Nach der 36. Schiffbaubefragung der IG Metall Küste erwarten die befragten Betriebsräte in den kommenden zwölf Monaten einen Beschäftigungsaufbau von 1.700 neuen Arbeitsplätzen. Gleichzeitig sind die Auftragsbücher vieler Werften auf Jahre hinaus gut gefüllt. Grundlage der Auswertung sind Angaben von Betriebsräten aus 41 Schiffbauunternehmen mit 17.141 Beschäftigten (Vorjahr: 14.754) für die diesjährige Umfrage.
„Der Schiffbau hat so gute Perspektiven wie seit Langem nicht mehr“, sagt Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste. „Die Betriebe wollen Personal einstellen, die Auslastung steigt und die Perspektiven für die Beschäftigten sind deutlich besser als noch vor wenigen Jahren. Jetzt kommt es darauf an, ausreichend Fachkräfte zu gewinnen und die Ausbildung weiter auszubauen.“
Die hohe Auslastung der Branche spiegelt sich in den Erwartungen für die kommenden Jahre wider. Die Betriebsräte gehen für 2026 von einer durchschnittlichen Auslastung von 90 Prozent aus (wie im Vorjahr). Für 2027 werden 94 Prozent und für 2028 sogar 100 Prozent erwartet. Bereits heute arbeitet etwa die Hälfte der befragten Betriebe mit einer Auslastung von 100 Prozent oder mehr. 51 Prozent der Betriebsräte rechnen in den kommenden zwei Jahren mit weiter steigenden Auftragseingängen (Vorjahr: 57 Prozent). Kein einziger Betrieb erwartet einen Rückgang der Auftragslage (Vorjahr: 9 Prozent).
Marineschiffbau treibt den Aufschwung
Getragen wird die Entwicklung vor allem vom Marineschiffbau. Inzwischen wird mehr als die Hälfte des Branchenumsatzes im militärischen Bereich erzielt. Im Durchschnitt entfallen 54 Prozent der Umsätze auf militärische Aufträge, 43 Prozent auf zivile Schiffbauprojekte und drei Prozent auf Offshore-Plattformen.
„Der Marineschiffbau sorgt derzeit für Beschäftigung und Investitionen. Gleichzeitig brauchen wir langfristige Perspektiven für den zivilen Schiffbau, für Offshore-Energie und klimafreundliche maritime Technologien. Deutschland darf seine maritime Industrie nicht einseitig ausrichten“, mahnt Friedrich.
Ausbildungsquote steigt erstmals wieder
Nach Jahren rückläufiger Ausbildungsquoten zeigt die aktuelle Befragung erstmals wieder eine leichte positive Entwicklung. In den befragten Betrieben liegt die Ausbildungsquote bei 5,9 Prozent und damit über dem Vorjahreswert von 5,2 Prozent. Rund 900 Auszubildende absolvieren derzeit ihre Ausbildung in den beteiligten Unternehmen. Die Übernahmequote bleibt mit 94 Prozent auf einem hohen Niveau. Zudem erwartet knapp ein Drittel der Betriebe einen weiteren Ausbau der Ausbildungsplätze in den kommenden zwölf Monaten. Kein Betrieb rechnet mit einem Rückgang.
„Das ist ein ermutigendes Signal. Die Unternehmen haben erkannt, dass sie ihren Fachkräftebedarf nur mit eigener Ausbildung decken können. Dennoch ist das Niveau weiterhin ausbaufähig. Angesichts der steigenden Beschäftigung brauchen wir deutlich mehr Ausbildungsplätze und eine stärkere Nachwuchsoffensive“, sagt Friedrich.
Fachkräftegewinnung bleibt eine Herausforderung
Trotz der positiven Entwicklung bleibt der Fachkräftemangel eines der größten Probleme der Branche. Mehr als die Hälfte der befragten Betriebe berichtet von Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen (53 Prozent; Vorjahr: 73 Prozent). Gleichzeitig planen die Unternehmen weitere Neueinstellungen: Insgesamt werden bis Mitte 2027 rund 1.700 zusätzliche Arbeitsplätze erwartet, während etwa 350 Beschäftigte altersbedingt in den Ruhestand gehen werden. Der Personalaufbau soll vor allem in den Bereichen Produktion und Engineering erfolgen. Seit September 2025 wurden in den befragten Betrieben bereits 1.125 neue Beschäftigte eingestellt.
Gute Arbeit als Voraussetzung für Wachstum
Die IG Metall sieht die Arbeitgeber nun in der Pflicht, die Voraussetzungen für weiteres Wachstum zu schaffen. Dazu gehören aus Sicht der Gewerkschaft mehr Ausbildungsplätze, bessere Qualifizierungsangebote und attraktive Arbeitsbedingungen.
Kritisch bewertet die Gewerkschaft, dass trotz des Fachkräftebedarfs weiterhin rund 1.100 Leiharbeitsbeschäftigte in den befragten Betrieben eingesetzt werden. Seit September 2025 wurden lediglich etwa 100 Leiharbeitskräfte übernommen. „Wer dauerhaft Fachkräfte sucht, muss Perspektiven schaffen. Dazu gehören Tarifbindung, gute Arbeitsbedingungen und die Übernahme von Leiharbeitsbeschäftigten in reguläre Beschäftigung“, sagt Friedrich. „Die Werften stehen vor großen Chancen. Jetzt müssen die Unternehmen die Menschen gewinnen und halten, die diesen Aufschwung möglich machen.“
Die IG Metall Küste stellte zum 36. Mal seit 1991 die Schiffbauumfrage in den fünf norddeutschen Bundesländern Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein vor. In diesem Jahr war zum ersten Mal WMP consult im Auftrag der AgS Bremen mit der Durchführung und Auswertung beauftragt. Befragt wurden die Betriebsräte von 41 Betrieben, die sowohl den militärischen als auch den zivilen Schiffbau repräsentieren.