Vor dem morgigen Krisengipfel und dem Koalitionsausschuss am Sonntag schlagen die norddeutschen Industriebetriebe Alarm. Die hohen Energiepreise – unabhängig von den jüngsten Entwicklungen infolge des Iran-Kriegs – gefährden ihre Wettbewerbsfähigkeit. Das zeigt eine aktuelle Befragung von Betriebsräten der IG Metall Küste aus dem Frühjahr 2026. Die bislang angekündigten energiepolitischen Maßnahmen seien nicht ausreichend.
Noch sind die wirtschaftlichen Verhältnisse in den Betrieben stabil. Doch nimmt der Druck auf Investitionen, die Belastung der Beschäftigten und die Unsicherheit über den industriepolitischen Kurs der Bundesregierung weiter zu. „Die Bundesregierung muss der Wirtschaft und den Beschäftigten dringend helfen, sonst droht eine schleichende Deindustrialisierung und massive Einkommensverluste“, warnt Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, vor dem Spritpreisgipfel im Bundesfinanzministerium, zu dem Wirtschaft und Gewerkschaften geladen sind.
Rund zwei Drittel der befragten Betriebsräte (65 Prozent) bewerten die wirtschaftlichen Aussichten ihres Betriebs für die kommenden drei bis sechs Monate als gut oder sehr gut. Das sind deutlich mehr als noch vor einem halben Jahr (59 Prozent im Herbst 2025). Ein konjunktureller Einbruch zeichnet sich derzeit nicht ab. Allerdings bleibt der Anteil der Betriebe, die ihre Perspektiven als schlecht oder sehr schlecht einschätzen, weiterhin hoch (30 Prozent, unverändert gegenüber Herbst 2025). „Die Industrie an der Küste steht aktuell noch stabil“, erklärt Friedrich. „Aber Stabilität allein reicht nicht. Ohne klare politische Weichenstellungen droht ein Verlust an Substanz. Und dieser kommt schleichend.“
Die aktuelle wirtschaftliche Lage wird von einer Mehrheit der Betriebsräte als solide eingeschätzt. Auftragseingänge, Auftragsbestände und Auslastung bewegen sich auf stabilem Niveau und haben im Vergleich zum Herbst 2025 leicht zugelegt (Auftragseingänge gut/sehr gut: 63 Prozent gegenüber 57 Prozent im Herbst 2025). Auch die Beschäftigung in den Stammbelegschaften ist überwiegend gesichert, Kurzarbeit ist aktuell in den meisten Betrieben kein Thema (89 Prozent gegenüber 87 Prozent im Herbst 2025).
Gleichzeitig zeigen sich deutliche Warnsignale. Ein zentrales Problem bleiben aus Sicht der Betriebsräte die hohen Energiepreise. Fast 40 Prozent der Betriebe sahen ihre Wettbewerbsfähigkeit bereits vor dem neuerlichen Anstieg der Energiepreise durch den Iran-Krieg als stark oder sehr stark beeinträchtigt. Viele Befragte äußern Zweifel, ob die bislang angekündigten energiepolitischen Maßnahmen ausreichend sind. „Hohe Energiepreise sind eine große Bedrohung. Sie untergraben direkt die Wettbewerbsfähigkeit industrieller Arbeitsplätze – gerade in energieintensiven Betrieben“, sagt Friedrich.
Trotz stabiler Auftragslage wird in vielen Betrieben weiterhin zu wenig investiert. 41 Prozent der Betriebsräte geben an, dass Investitionen eher oder deutlich zu gering ausfallen (Herbst 2025: 46 Prozent). Als Hauptgrund nennen sie die Unsicherheit über politische und rechtliche Rahmenbedingungen – noch vor Kosten- oder Nachfrageschwierigkeiten. „Das größte Investitionshemmnis ist Unsicherheit. Wer nicht weiß, welche Regeln morgen gelten, verschiebt Entscheidungen oder verlagert sie ins Ausland“, erklärt Friedrich.
Eine klare Mehrheit der Betriebsräte ist der Auffassung, dass die Bundesregierung derzeit nicht genug tut, um den Industriestandort Deutschland nachhaltig zu sichern. Besonders kritisiert werden fehlende Planungssicherheit, unzureichende Energiepreisentlastungen und ein zögerlicher industriepolitischer Kurs. „Fast 90 Prozent der Betriebsräte sagen: Die Bundesregierung liefert nicht. Das ist ein deutliches Warnsignal, das die Politik nicht ignorieren darf“, betont Friedrich.
Besonders alarmierend ist der Blick auf die Arbeitsbedingungen: Rund zwei Drittel der Betriebsräte berichten von einem gestiegenen Krankenstand in ihren Betrieben. Als Hauptursachen nennen sie psychische Belastungen, Arbeitsverdichtung, Personalmangel sowie Defizite bei Führung und Organisation. „Der steigende Krankenstand ist kein Zufall. Dauerhafter Stress, zu hohe Arbeitsintensität und schlechte Organisation machen Beschäftigte krank“, so Friedrich. „Wer Fachkräfte halten will, muss Arbeit gesund gestalten – alles andere ist kurzsichtig.“
Die Pläne der Union, den Acht-Stunden-Tag abzuschaffen, stoßen bei den Betriebsräten auf nahezu geschlossene Ablehnung (96 Prozent). Eine überwältigende Mehrheit sieht bereits heute ausreichende Flexibilität durch Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen. „Längere Arbeitstage lösen kein einziges strukturelles Problem der Industrie. Sie verschärfen Belastung und Krankenstand – und das lehnen die Betriebsräte zu Recht entschieden ab“, stellt Friedrich klar.
Informationen zur Befragung:
Die Betriebsrätebefragung der IG Metall findet seit einigen Jahren halbjährlich statt. Der aktuelle Befragungszeitraum erstreckte sich vom 16. Februar bis 6. März 2026. Es beteiligten sich Arbeitnehmervertretungen aus mehr als 200 Betrieben in Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und dem nordwestlichen Niedersachsen. Informationen zu den bundesweiten Ergebnissen der Betriebsrätebefragung gibt es hier.