14. Nationale Maritime Konferenz Positionspapier der IG Metall Küste und Landesregierung Niedersachsen

Anlässlich der Nationalen Maritimen Konferenz in Emden (29./30.4.) haben die IG Metall Küste und Niedersachsens Landesregierung Vorschläge vorgelegt, wie die maritime Industrie in Deutschland und der Ausbau der Offshore-Windkraft gestärkt werden können.

Schiffbau


Das Positionspapier formuliert gemeinsame Leitlinien und politische Anforderungen, die zu einer starken maritimen Zukunft beitragen und einen verlässlichen Rahmen für Unternehmen, Beschäftigte und den Standort schaffen sollen.

„In der maritimen Industrie erleben wir gerade einen Boom. Auf den Werften und bei den Zulieferern sind die Auftragsbücher gut gefüllt – teils sogar bis in die 2040er Jahre. Schiffbau ist wieder Zukunftsbranche. Wir gehen davon aus, dass in den kommenden fünf Jahren 5000 neue Jobs geschaffen werden. Wenn wir die Abgänge von Menschen, die in Rente gehen, berücksichtigen, werden insgesamt mehr als 8000 Leute gesucht“, sagt Daniel Friedrich, Bezirksleiter IG Metall Küste. „Arbeit ist also für alle genügend da. Nun brauchen wir besser abgestimmte Konzepte. In der Zeitenwende braucht es Anstrengungen der gesamten Branche, ein neues Miteinander und natürlich Tarifverträge, die Arbeitsplätze und Auslastung für alle Werften und Zulieferer absichert. Da muss die Nationale Maritime Konferenz ein verbindlicher Startschuss sein.“

 

Dabei geht es um diese zentralen Punkte:

  1.  Konsequente Umsetzung der öffentlichen Beschaffung in Bezug auf verbindliche Mindestanteile europäischer bzw. nationaler Wertschöpfung bei Offshore‑ und maritimen Projekten im Einklang mit der Europäischen Maritimen Industriestrategie.

     

  2.  Beschleunigung und Digitalisierung aller relevanten Genehmigungs- und Planungsverfahren.

     

  3. Schneller Ausbau sowie eine dauerhafte und auskömmliche Finanzierung der Hafen- und Schwerlastinfrastruktur einschließlich Schienen- und Wasserwegeanbindungen.

     

  4. Aufbau einer langfristig funktionsfähigen und zukunftssicheren Offshore-Rettungsstruktur sowie die Schaffung klarer Regelungen zu Zuständigkeiten, der Organisation und zur Finanzierung durch die Offshore-Branche.

     

  5. Ein umfassendes Fachkräfteprogramm inklusive gezielter Ansprache von Frauen, Ausbau betrieblicher Ausbildungskapazitäten sowie gezielter internationaler Rekrutierung.

     

  6. Planbare und wettbewerbsfähige Energiepreise für Industrie, einschließlich des Wasserstoffhochlaufs, Stromnetzausbau und -stabilisierung.

     

  7. Stärkung von Forschung und Entwicklung in maritimer Technik, Offshore-Technologien, Digitalisierung und klimaneutralen Antrieben durch eine verstärkte Kooperation zwischen Werften, Zulieferindustrie, Forschungseinrichtungen und Hochschulen, um den Technologietransfer entlang der maritimen Wertschöpfungskette zu beschleunigen.

 

Die IG Metall Küste und das Land Niedersachsen verfolgen gemeinsam das Ziel, die maritime Industrie, den Schiffbau sowie den Offshore-Windsektor nachhaltig zu stärken. Wir stehen an der Küste vor grundlegenden industriellen, technologischen und energiepolitischen Herausforderungen. Es bieten sich zugleich aber enorme Chancen für Wertschöpfung, Beschäftigung und die Weiterentwicklung hin zu einer klimaneutralen Energie- und Industrielandschaft.

 

1. Stärkung der maritimen Industrie und des Schiffbaus

Die maritime Industrie ist auf verlässliche industriepolitische Impulse seitens Bund, Ländern und EU angewiesen, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Dazu zählen insbesondere wettbewerbsfähige Finanzierungsbedingungen sowie eine langfristige und verlässliche Innovationsförderung. Der Schiffbau – einschließlich Spezialschiffen, Offshore-Anlagen und Zulieferstrukturen – bleibt ein Schlüsselbereich für industrielle Wertschöpfung und technologische Führungsfähigkeit.

 

2. Industrielle Wertschöpfung im Offshore-Windsektor

Der Offshore-Windsektor ist ein zentraler Pfeiler der Energiewende. Niedersachsen verfügt über wesentliche industrielle Kapazitäten entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Planung über die Fertigung bis zur Logistik. Für den erfolgreichen Ausbau sind verlässliche Marktbedingungen, Investitionsanreize sowie die Sicherung europäischer Fertigungsanteile entscheidend. Dies schafft industrielle Stärke, Beschäftigung und Versorgungssicherheit.

 

3. Standortpolitik und Innovationsbedingungen

Für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Niedersachsen sind ein konsequenter Bürokratieabbau, digitalisierte Genehmigungsverfahren und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen erforderlich. Beim Bürokratieabbau sind Regelungen, die die Arbeitsbeziehungen, insbesondere Arbeitszeit- und Arbeitsschutzregelungen betreffen, besonders zu berücksichtigen. Energiepolitisch braucht es planbare und wettbewerbsfähige Strompreise, einen schnellen Netzausbau sowie eine leistungsfähige Wasserstoff- und Speicherinfrastruktur.

 

4. Ausbau und Modernisierung der Infrastruktur

Leistungsfähige Häfen, deren Hinterlandanbindungen mittels Binnenwasserstraßen, Schienen- und Straßenwegen sowie ein flächendeckendes Gigabitnetz sind zentrale Voraussetzungen für ein funktionierendes maritimes Ökosystem, das Wertschöpfung generieren kann. Insbesondere die Hafenstandorte müssen modernisiert und strategisch weiterentwickelt werden, um den steigenden Anforderungen durch Offshore-Wind, schwere Komponenten und internationale Logistik gerecht zu werden.

 

5. Weiterentwicklung der Offshore-Rettungsinfrastruktur

Mit dem weiteren seewärtigen Ausbau der Offshore-Windparks wächst die Verantwortung für eine funktionierende Rettungs- und Notfallinfrastruktur. Steigende Entfernungen zu Land und zunehmende Komplexität der Arbeiten erfordern ein modernes Konzept für Offshore-Rettung, das Verantwortung der Betreiber und Zuständigkeiten von Bund und Ländern klärt, Investitionen sichert und eine schnelle medizinische Versorgung gewährleistet. Bund und Länder müssen zügig eine gemeinsame Regelung für Organisation und Ausstattung einer modernen Rettungsstruktur treffen. Zudem müssen Regelungen zur Branchenfinanzierung der Offshore-Rettung getroffen werden.

 

6. Fachkräfte- und Qualifizierungsoffensive

Die maritime und die Offshore-Industrie sind auf qualifizierte Fachkräfte angewiesen. Eine Weiterentwicklung der bereits bestehenden maritimen Fachkräfteinitiativen zu einer breit angelegten Fachkräfteoffensive – die explizit auch Frauen anspricht – entlang der gesamten maritimen Wertschöpfungskette ist notwendig: Stärkung der dualen Ausbildung, gezielte Weiterqualifizierung, höhere Attraktivität von Industriearbeitsplätzen und bessere Bedingungen für internationale Fachkräfte.

 

7. Moderne Industriepolitik

Ein moderner industriepolitischer Ansatz setzt auf gemeinsame Verantwortung von Staat, Wirtschaft und Sozialpartnern. Ein solcher Ansatz umfasst einen verlässlichen Ordnungsrahmen, massive öffentliche wie auch privatwirtschaftliche Investitionen in Zukunftstechnologien, faire Wettbewerbsbedingungen sowie soziale Stabilität für die Beschäftigten. Dieses Prinzip muss auf die maritime Wirtschaft und den Offshore-Sektor übertragen werden, um diesen planbar und sozial ausgewogen weiterzuentwickeln.

 

„Die maritime Wirtschaft ist für Niedersachsen ein zentraler Pfeiler von Wertschöpfung, Innovation und guter Arbeit – und sie spielt eine Schlüsselrolle nicht nur für das Gelingen der Energiewende. Uns wird derzeit immer wieder aufs Neue vor Augen geführt, wie wichtig eine diversifizierte, unabhängige Energieversorgung ist. Der Ausbau der Offshore-Windkapazitäten wird damit mehr und mehr zu einer Frage von Resilienz und Versorgungssicherheit in einer zunehmend von Unsicherheit geprägten globalen Lage. Sein Erfolg wird so zu einer Frage der nationalen Sicherheit“, erklärte Niedersachsen Ministerpräsident Olaf Lies. „Mit unserem gemeinsamen Positionspapier setzen wir auf einen klaren industriepolitischen Kurs, der Schiffbau, Offshore-Wind und die gesamte maritime Wertschöpfungskette stärkt. Entscheidend sind jetzt schnellere Verfahren, eine moderne Infrastruktur und verlässliche Rahmenbedingungen, damit Investitionen auch tatsächlich bei uns stattfinden. Gleichzeitig geht es um gute Arbeitsplätze: Qualifizierung, Fachkräftegewinnung und starke Mitbestimmung sind Voraussetzung für eine erfolgreiche Transformation. Eine neue Industriepolitik ist für mich, dass Staat, Wirtschaft und Beschäftigte gemeinsam Verantwortung übernehmen und Planungssicherheit schaffen. So sichern wir die Zukunft unserer Küstenregion als leistungsfähiges, klimaneutrales Industriezentrum.“